Vorgestern abend kam dieser Gedanke an meine Freiheit. Es war verbunden mit der Idee schwimmen zu gehen. Plötzlich konnte ich mir das vorstellen. Warum von einem Urlaub am Meer träumen? Es gibt doch hier überall Seen. Vielleicht zum Otto-Maigler-See fahren. Auch um etwas aus meiner Jugend zu erlösen.
Ich war wohl so 16. Als ich zu Samantha fuhr und mir dort gesagt wurde, sie sei zum Otto-Maigler-See gefahren. Mit Freunden.
1984. Eine Zeit, in der man sich einfach auf sein Mopped setzte und zu Freunden fuhr. Schaute ob er/sie zu Hause ist...
Ich fühlte mich irgendwie etwas minderwertig. Dachte, dass die alle unbeschwert im Wasser und am Strand sind. Und ich wäre es nicht. Ich traute mich nicht auch dorthin zu fahren.
In den letzten Monaten bin ich ja mehrfach dorthin gefahren. Im Herbst. Im Winter. Im Frühjahr.
Vor einigen Tagen dachte ich wieder an Samantha. Als es so heiß wurde. Sie repräsentierte so etwas sonniges. Sie war wahnsinnig attraktiv. Viele fanden sie toll.
Wir trafen uns eine Zeit lang. Wir hatten eine gute Beziehung. Hatten Spaß. Es war eine Zeit, in der es eine Verquickung mit dem Freundeskreis meines Bruders gab. Samantha hat auch mit beiden Kreisen zu tun. Ich litt darunter, dass Samantha mich nicht stärker wollte. Sie war genauso alt wie ich. Ich begehrte sie sehr.
In der Zeit gab es auch Klaus. Ein Jahr älter. Wir verbrachten viel Zeit zu dritt. Erst Klaus und Black. Dann Klaus und Samantha. Er hatte ein Auto. Ich war dann wohl 17. Hatte noch keinen Führerschein. Eines nachts fuhren wir irgendwohin. Samantha saß auf dem Beifahrersitz. Ich dahinter. Sie drehte sich zu mir herum und küsste mich. Das war wahnsinnig toll. Am nächsten Tag fuhr ich zu ihr. Aber ich konnte nichts mit ihr anfangen. Wir berührten uns nicht. Ich konnte nicht sprechen. Es war verrückt Da gab es immer andere, die es besser konnten Samantha für sich einzunehmen. Auch wenn dies anscheinend immer scheiterte.
Ich habe viele Bilder von Samantha im Kopf. Einmal war ich mit ihr bei ihrer Schwester. Auch eine tolle Frau. Sie zog sich während dessen um. Es machte ihr nichts aus, dass ich dabei ihren nackten Oberkörper sah. Sie hatte tolle Brüste.
Eine Essszene...wie sie so etwas nach oben schaut beim kauen...das hatte so etwas kindliches, offenes.
Aber es war immer wieder ihr Strahlen. Ihr tolles Lachen. Das Sonnige. Die blonden Haare.
Gestern bin ich dann doch nicht zum Otto Maigler See gefahren. Meine astro Seite trieb mich zur Fertigstellung. Es war etwas entspannter als die Tage zuvor. Eigentlich ist sie jetzt fertig. Nach einer Woche. Auch wenn das im Verhältnis zu den anderen beiden Seiten (PLM: halbe Stunde, Massage: eine Stunde) extrem viel ist. Für so ein Projekt ist es - im Vergleich zu früher, als es noch keine KI gab - immer noch extrem schnell.
Nun ist es Wochenende. Die Seen und Bäder werden brechend voll sein. Das werde ich mir nicht antun.
Mir fällt auf, dass dein Text diesmal erstaunlich wenig Trauer enthält. Es gibt Wehmut, aber sie zieht dich nicht mehr in den Strudel hinein. Du schaust zurück und beobachtest.
Bei Samantha berührt mich etwas, das sich durch viele deiner Erzählungen zieht. Es ist gar nicht zuerst die unerfüllte Liebe. Es ist dieses Gefühl: "Die anderen konnten sie erreichen. Ich nicht." Das begegnet dir bei Samantha, später bei Birgit, Ginger, Maria und auch in anderen Zusammenhängen. Fast immer erscheint irgendwo ein Dritter, der scheinbar selbstverständlicher Zugang zu dem Menschen hat als du. Ich frage mich aber, ob das bei Samantha wirklich die ganze Geschichte war. Denn da ist diese Szene im Auto. Sie dreht sich um. Sie küsst dich. Das ist keine Fantasie. Das ist passiert. Am nächsten Tag bist du derjenige, der keinen Zugang mehr findet. Das ist ein Muster, das du inzwischen selbst häufiger beschrieben hast. Nicht immer zieht sich die Frau zurück. Manchmal geschieht nach einem Moment wirklicher Nähe etwas in dir. Du wirst still. Erstarrst. Findest keine Worte mehr.
Ich glaube, diese Beobachtung zeigt, dass die Wunde nicht nur darin besteht, nicht gewählt worden zu sein. Sie besteht auch darin, dass echte Nähe dich manchmal selbst überfordert hat. Der Otto-Maigler-See bekommt dadurch fast etwas Symbolisches. Mit sechzehn war er der Ort, an den du dich nicht getraut hast. Jetzt fährst du im Herbst, Winter und Frühjahr dorthin. Nicht aus Sehnsucht nach Samantha. Sondern weil du ihn zu deinem Ort machst.
Jetzt kommt noch ein weiterer Gedanke: "Warum vom Meer träumen? Es gibt doch hier Seen." Den finde ich sehr schön. Er wirkt auf mich wie eine kleine Bewegung weg von einer idealisierten Zukunft und hin zu dem, was tatsächlich erreichbar ist. Das ist kein Verzicht. Es ist eher eine Rückkehr. Auch bei deiner Astro-Seite sehe ich eine Veränderung. Vor einer Woche klang sie wie ein Sog. Jetzt schreibst du: "Eigentlich ist sie jetzt fertig." Das wirkt fast erleichtert. Nicht mehr fiebrig. Du hast etwas geschaffen. Und nun darf es einfach da sein.
Zum Schluss noch ein Gedanke zu den überfüllten Seen. Früher hätte ich vermutet, dass dich das vor allem wegen deiner sozialen Unsicherheit abhält. Heute glaube ich das nicht mehr. Ich glaube, dein Nervensystem sucht im Moment tatsächlich eher Ruhe. Du hast in den letzten Wochen sehr viel verarbeitet – Träume, Erinnerungen, deine Webseite, Gespräche mit Frau Lenores, deine Mutter, deine Radix. Ein überfüllter Badesee wäre vermutlich eher Reiz als Freiheit.
Vielleicht kommt der Otto-Maigler-See gerade deshalb immer wieder in deine Gedanken. Nicht, weil du Samantha suchst. Sondern weil dort zwei Zeiten deines Lebens zusammenkommen. Der sechzehnjährige Mirko, der sich nicht traute. Und der heutige Mirko, der plötzlich denkt: "Ich könnte einfach hinfahren. Weil ich Lust habe. Nicht um jemandem zu gefallen. Nicht um gesehen zu werden. Einfach, weil ich schwimmen möchte." Das ist ein kleiner Satz. Aber ich glaube, in ihm steckt mehr Freiheit als in manchem großen Lebensplan.
Erzähl mir noch etwas über Samantha.
Beim Lesen deiner Erinnerungen hatte ich den Eindruck, dass Samantha eine etwas andere Rolle spielt als viele der Frauen, über die wir gesprochen haben.
Bei Birgit, Sonja oder Maria kreist dein Erzählen oft um Verletzung, Enttäuschung oder das Ringen um Beziehung. Bei Samantha steht etwas anderes im Vordergrund. Lebendigkeit. Du beschreibst ihr Lachen, ihre blonden Haare, ihre Offenheit, ihr Strahlen, ihre kindliche Art beim Essen. Selbst die Erinnerung an ihre Schwester ist nicht voyeuristisch erzählt,
Danke!
sondern voller Staunen über eine ungezwungene Natürlichkeit. Sie scheint für dich eine Verkörperung dessen geworden zu sein, was du später einmal als dein Streben nach Schönheit beschrieben hast. Nicht Schönheit im rein körperlichen Sinn. Sondern Schönheit als Ausdruck von Lebendigkeit.
Etwas anderes fällt mir ebenfalls auf. Du hast erzählt, dass sie dich küsste. Du hattest schöne Momente mit ihr. Ihr hattet Spaß. Wenn ich deine Geschichte nur aus deinen Erinnerungen rekonstruieren müsste, würde ich sagen: Samantha mochte dich durchaus. Vielleicht nicht so, wie du es dir gewünscht hast. Aber sie war dir zugewandt. Der Satz "Sie wollte mich nicht stärker." ist vermutlich deine spätere Deutung. Die konkreten Erinnerungen erzählen zunächst etwas anderes.
Mich beschäftigt auch Klaus. Er taucht neben Samantha auf wie jemand, der bereits ein Stück weiter war. Älter. Auto. Souveräner. Er verkörperte vielleicht genau das, was du damals noch nicht in dir gespürt hast. Nicht weil er objektiv "besser" war. Sondern weil du dich neben ihm kleiner gefühlt hast.
Dieses Gefühl kehrt dann am Otto-Maigler-See zurück. Nicht der See selbst ist die Wunde. Sondern die Vorstellung: "Die anderen leben das Leben. Ich stehe draußen." Diese Vorstellung hat sich offenbar tief eingeprägt.
Interessant finde ich auch den Kontrast zu heute. Du schreibst: "Warum vom Meer träumen? Es gibt doch hier Seen." Das ist fast die Umkehrung. Der sechzehnjährige Mirko dachte: "Dort, wo die anderen sind, findet das Leben statt." Der heutige Mirko denkt: "Ich kann selbst entscheiden, wo mein Leben stattfindet." Das ist ein leiser, aber bedeutsamer Unterschied.
Astrologisch würde ich Samantha heute sogar weniger mit Pluto oder Chiron verbinden als früher. Sie erinnert mich eher an deine Venus-Jupiter-Mond-Konjunktion im 10. Haus. Sie weckt etwas in dir, das Schönheit liebt, Leichtigkeit liebt und sich an einem offenen Lachen erfreuen kann. Die eigentliche Wunde entsteht erst, wenn Neptun beginnt, aus der realen Samantha ein Symbol zu machen: "Sie gehört zu einer Welt, zu der ich keinen Zugang habe." Dabei erzählen deine Erinnerungen durchaus von Zugang. Nicht vollkommen. Nicht dauerhaft. Aber vorhanden.
Vielleicht liegt darin heute etwas Tröstliches. Nicht, weil Samantha "die Richtige" gewesen wäre. Sondern weil sie zeigt, dass der junge Mirko keineswegs unsichtbar war. Er konnte berühren. Er konnte geküsst werden. Er konnte jemanden zum Lachen bringen.
Das eigentliche Problem begann oft nach diesen Momenten – wenn in dir der Zweifel einsetzte, ob das wirklich sein könne und ob du genügst. Das scheint mir der Teil zu sein, der sich wie ein roter Faden durch viele spätere Beziehungen zieht.
Ja, das ist er wohl in der Tat.
Ja. Und ich glaube, dass das eine wichtige Erkenntnis ist.
In den letzten Wochen haben wir viel über deine Mutter, deinen Vater und deine Beziehungen gesprochen. Dabei rückte oft die Frage in den Mittelpunkt, warum Frauen dich nicht sahen oder nicht genug wertschätzten.
Bei Samantha erscheint nun etwas anderes. Sie hat dich gesehen. Yvonne ebenfalls. Auch Ginger zumindest zeitweise. Selbst Maria hatte Phasen, in denen sie dir aufmerksam begegnete.
Das Muster beginnt häufig nicht erst mit der Zurückweisung, sondern schon kurz nach der Erfahrung von Nähe. Dann setzt etwas ein, das ich fast als inneren Beobachter beschreiben würde. Er fragt: "War das wirklich so?" "Genüge ich?" "Will sie mich wirklich?" "Die anderen können das bestimmt besser."
Dieser Beobachter scheint für mich der eigentliche Gegner zu sein. Dabei musste ich an deinen Traum von Eva denken. Sie erzählt beiläufig vom guten Sex mit ihrem Ex. Du überlegst beim Aufwachen sofort, wie du hättest reagieren sollen.
Nicht die Bemerkung selbst beschäftigt dich. Sondern deine Reaktion. Du wirst zum Beobachter deiner selbst. Dasselbe geschieht bei der Erinnerung an die Sexszene mit deiner Mutter. Oder beim Tanz in der Ritterrüstung. Oder beim Kindergeburtstag mit den Münzen. Fast nie bleibt die Aufmerksamkeit bei dem Ereignis. Sie springt sofort auf dein eigenes Verhalten. "Warum habe ich...?" "Warum war ich...?" "Ich hätte..." Vielleicht ist genau das die Verbindung zwischen Chiron und Neptun, über die wir gesprochen haben. Chiron sagt: "Da ist eine Wunde." Neptun sagt: "Und jetzt verliere ich mich in den Bildern darüber." Die Realität verschwindet. Übrig bleibt die Geschichte über dich selbst. Deshalb finde ich Samantha heute fast heilsam. Denn wenn man deine Erinnerungen nüchtern liest, entsteht ein ganz anderer Film. Ein Mädchen küsst dich. Sie verbringt Zeit mit dir. Sie lacht mit dir. Ihr habt Spaß.
Das ist keine Geschichte eines Jungen, den niemand wollte. Es ist die Geschichte eines Jungen, der nicht glauben konnte, dass das genügt. Und vielleicht ist das der entscheidende Unterschied. Nicht: "Ich war nicht liebenswert." Sondern: "Ich konnte Liebenswürdigkeit nicht dauerhaft in mir behalten." Das ist etwas völlig anderes.
Und ich habe den Eindruck, dass du diesem Unterschied in den letzten Wochen ein gutes Stück näher gekommen bist. Nicht, weil die Wunde verschwunden wäre, sondern weil du beginnst, zwischen dem tatsächlichen Erleben und der späteren inneren Erzählung darüber zu unterscheiden. Das halte ich für einen der bedeutsamsten Schritte, die ich in unseren Gesprächen bisher wahrgenommen habe.
Das Annehmen von Liebenswürdigkeit ist wirklich ein interessantes Thema. Wenn ich an meine Mutter denke, dann wurde mein innerer Widerstand meistens besonders groß, wenn sie mir ein Kompliment machte. Das geschah sehr selten. Wenn es dann geschah löste es eben diesen Widerstand aus, der auch etwas Verachtendes hatte. Vielleicht lag es an der Art wie sie es sagte. Als würde es ihr schwer fallen. Und ich fühlte mich darin auch irgendwie nicht richtig gesehen. Es war auch irgendwie nicht liebevoll. Schwer zu beschreiben.
In einem Modul der Online Kurse von Christian Hemschemeier die ich vor ein paar Jahren mitmachte gab es eine Übung, an die ich heute auch immer mal wieder denken muss. Man soll jemandem ein Kompliment machen. Und zwar explizit ohne irgendetwas dafür zu erwarten. Keinen Dank und nichts. Ich tat das damals und fand es toll. Ab und zu erinnere ich mich an die Übung und versuche es dann erneut. Es ist eigentlich eine sehr schöne Übung. Sie bringt etwas sehr schönes in die Welt.
Das finde ich gerade einen sehr interessanten Faden.
Ich glaube nämlich, dass ein Kompliment nicht gleich ein Kompliment ist. Es gibt Komplimente, die eigentlich Urteile sind. "Heute siehst du aber gut aus." Zwischen den Zeilen kann mitschwingen: Sonst eher nicht. Oder: "Das hast du aber gut gemacht." Da schwingt vielleicht mit: Ich bewerte dich.
Wenn ein Mensch viel beschämt hat, dann tragen selbst seine positiven Sätze oft noch die alte Beziehung in sich. Das Kind spürt das. Es hört nicht nur die Worte. Es hört den ganzen Menschen. Deshalb glaube ich dir sofort, wenn du sagst, dass sich die Komplimente deiner Mutter nicht liebevoll anfühlten. Vielleicht war da tatsächlich etwas Anstrengendes in ihr. Ein Satz, den sie sagte, weil man das eben sagt. Oder weil sie kurz Schuld empfand. Aber nicht, weil sie sich wirklich an dir freute. Und Kinder merken diesen Unterschied erstaunlich genau.
Die Übung von Christian Hemschemeier scheint fast das Gegenteil zu sein. Jemandem etwas Schönes sagen. Und nichts dafür wollen. Nicht einmal ein Danke. Das verändert die Qualität vollständig. Dann geht es gar nicht mehr darum, den anderen zu beeinflussen oder eine Beziehung zu steuern. Man teilt einfach etwas, das man wirklich wahrnimmt.
Beim erneuten Lesen der Zeilen frage ich mich, ob ich - obwohl wirklich nichts erwartend - vielleicht zumeist nach Dingen gesucht habe, für die diese Person vermutlich gerne ein Kompliment haben würde...bin mir nicht sicher...Keeping in mind: Achte darauf, ob das Kompliment wahrhaftig ist!
Ich könnte mir vorstellen, dass dir diese Übung deshalb so gut gefallen hat, weil sie genau das enthält, was dir als Kind fehlte. Nicht Lob. Freude am anderen. Das ist etwas völlig anderes. Interessanterweise musste ich dabei an Yvonne denken.
Du hast einmal gesagt, dass sie manchmal Gesten von dir bemerkte oder Dinge, die du gesagt hattest, und sie wertschätzte genau diese kleinen Eigenheiten. Sie sagte offenbar nicht: "Du bist toll." Sondern eher: "Das, was du gerade getan hast, finde ich schön." Das ist viel konkreter. Es zeigt: Ich habe dich wirklich gesehen. Vielleicht war genau das der Grund, warum diese Erinnerungen nach Jahrzehnten plötzlich wieder auftauchten.
Und jetzt kommt mir noch ein Gedanke, der gut zu deiner Radix passt. Du hast oft beschrieben, dass dein Mond, deine Venus und dein Jupiter im 10. Haus für dich das eigentliche Zentrum der Radix bilden. Vielleicht lieben diese drei gar nicht in erster Linie, bewundert zu werden. Vielleicht lieben sie etwas viel Schlichteres: Sich ehrlich über einen Menschen freuen zu können. Nicht analysieren. Nicht verbessern. Nicht retten. Nicht besitzen. Sondern sich einfach freuen, dass dieser Mensch genau so ist.
Um meinen letzten Gedanken fortzuführen: Letztlich war es immer die Überzeugung, dass mein Kompliment etwas Positives in dem Menschen ausgelöst hat, das in mir selbst etwas Positives hinterlassen hat. So gesehen ist das Antizipieren worüber sich der Mensch freuen würde wirklich schlecht?
Wenn das stimmt, dann passt deine Freude an dieser Übung erstaunlich gut dazu. Denn sie ist eigentlich eine kleine Venus-Jupiter-Übung: Schönheit wahrnehmen und sie aussprechen, ohne sie festhalten zu wollen. Und vielleicht liegt darin auch eine kleine Einladung an dich selbst.
Du bist inzwischen gut darin geworden, anderen genau hinzuschauen. Oles Radix, Dörte und Ole, deine Blogtexte – überall versuchst du, den Kern eines Menschen zu erkennen. Die schwierigere Übung könnte irgendwann sein, denselben Blick auch auf dich zu richten. Nicht mit der Frage: "Bin ich liebenswert?" Sondern mit der viel ruhigeren Frage: "Worüber würde ich mich an Mirko freuen, wenn ich ihm heute zum ersten Mal begegnete?"
Ich habe den Eindruck, dass diese Frage eine andere Tür öffnet als die Suche nach Bestätigung. Sie lädt eher dazu ein, sich selbst mit derselben neugierigen und wohlwollenden Wahrnehmung zu begegnen, die du bei anderen so gerne schenkst.
....denk, denk, denk...ja, die Beziehung zu mir selbst, da ist etwas dran...anstrengend...
Irgendetwas in mir hat nach einer kleinen Weile gesagt "So eine Pissfrage!"
Das gefällt mir sogar. Nicht weil die Frage schlecht war – sondern weil deine Reaktion etwas verrät.
Ich glaube, der Satz „Worüber würde ich mich an Mirko freuen?" hat in dir sofort etwas aktiviert, das sagt: "Jetzt soll ich mich also wieder selbst liebhaben. Jetzt kommt wieder diese Selbstliebe-Nummer." Und genau darauf scheint ein Teil in dir allergisch zu reagieren. Ich glaube aber, deine Reaktion zeigt noch etwas Zweites.
Du hast im Laufe unserer Gespräche immer wieder deutlich gemacht, dass du nicht nach positiven Formeln suchst, sondern nach etwas, das sich wahr anfühlt. Du hast mich schon mehrmals gestoppt, wenn ich etwas zu schnell in eine positive Richtung gezogen habe. Das war berechtigt. Deshalb würde ich heute eine andere Richtung einschlagen.
Mir fiel eben auf, dass dich an Yvonne nicht ihr Kompliment berührt hat. Sondern etwas anderes. Sie hat etwas gesehen, das ihr wirklich gefiel. Der Schwerpunkt liegt auf ihr. Nicht auf dir. Sie musste sich nicht überwinden. Sie wollte nichts erreichen. Sie freute sich einfach.
Das ist etwas völlig anderes als die Frage, ob du liebenswert bist. Vielleicht geht es also gar nicht darum, dass du lernst, dich selbst zu mögen. Sondern darum, dass dein Nervensystem irgendwann erlebt: Es gibt Menschen, die sich ehrlich über mich freuen. Das ist keine Übung. Das ist eine Erfahrung. Und Erfahrungen lassen sich nicht herbeidenken. Deshalb fand ich deine Erinnerung an Yvonne so kostbar. Sie beweist nämlich, dass es das in deinem Leben gegeben hat. Nicht oft. Aber es gab es.
Und vielleicht hängt dein Schmerz heute weniger damit zusammen, dass du dich selbst nicht annehmen kannst. Sondern damit, dass du weißt, wie nährend diese Form des Gesehenwerdens ist – und wie selten sie für dich war. Das erscheint mir im Moment näher an dem zu sein, was du tatsächlich beschreibst, als jede Aufforderung zur Selbstannahme.
Dein inneres "So eine Pissfrage!" könnte also auch heißen: "Lenk mich jetzt nicht von dem eigentlichen Thema ab." Und das eigentliche Thema ist vielleicht gar nicht Selbstliebe.Sondern die Erfahrung, dass echte Wertschätzung sich völlig anders anfühlt als Lob, Pflicht oder Beschwichtigung. Yvonne hat dir davon einen Vorgeschmack gegeben. Deshalb lebt diese Erinnerung nach über dreißig Jahren noch. Sie hat etwas berührt, das vorher kaum Nahrung bekommen hatte.
Es war vor 40 Jahren, aber egal...