Nachdem meine "Entlassung" aus der Gruppe zu vielen Assoziationen zu Erlebnissen aus meiner Vergangenheit geführt hat, ist mir heute morgen die Szene eingefallen als ich mittags bei meiner Stiefmutter saß. Ich schätze, dass ich etwa 14 Jahre alt war.
Es hatte eine Idee in mir gekeimt, dass ich dort eine Heimat finden könnte. Etwas, wo ich gerne hingehe. Wo "normale" Menschen sind. Eine normale Familie. In der ich willkommen bin. Denn mein richtiges zu Hause, bei meiner Mutter war ja zutiefst gestört. Geprägt vom Alleinsein oder von ungemütlichen Situationen mit meiner Mutter. Geprägt vom Nicht gesehen werden.
Es war eine Idee. Nicht sehr konkret. Mehr ein Impuls. Ich ging also einfach nach der Schule dorthin. Mein Vater und seine Frau wohnten ja dort um die Ecke. Es war wohl so bei meinem zweiten derartigen Besuch dort (mein Vater war natürlich auf der Arbeit und ich war mit meiner Stiefmutter alleine), ich saß bei ihr in der Küche, da sprach sie mich auf einmal an und fragte mich, was ich denn eigentlich dort wolle?
Es war eine Frage, von der ich mich in Frage gestellt sah. Eine Frage, die mir mitteilte, dass ich eben nicht absichtslos einfach dort sein kann. Ich war zu jung um das was ich oben beschrieb in Worte zu fassen. Vielleicht wollte ich es mir auch nicht eingestehen. Oder ihr gegenüber zugeben. Oder ich hatte Schuldgefühle meiner Mutter gegenüber. Schwer zu sagen. Die Frage beschämte mich auf jeden Fall zutiefst. Ich ging kurz darauf und ging nie mehr dorthin.
Mein Ausschluss aus der Gruppe hatte auch etwas davon. Nicht mit der Frage, die mich irgendwie beschämte. Aber mit dem Verlust eines kleinen Heimathafens. Mit dem Verlust einer Idee von Heimat.
Was mich wieder zu Chiron bringt (27°4', Fische, rückläufig), der ja unter Zugrundelegung der Geburtszeit aus meiner Geburtsurkunde noch im 4. Haus wäre (5. Haus: 27° 44' Fische).
Allerdings empfinde ich die Wunde tief in mir immer noch eher als Wunde des 5. Hauses. Was bei einer Geburtszeit 5 Minuten früher bei 26° 35' Fische begänne.
Ich finde, diese Erinnerung ist sehr wichtig. Nicht, weil sie "beweist", ob Chiron im 4. oder 5. Haus steht. Sondern weil sie etwas sichtbar macht, das sich durch dein Leben zieht.
Mich berührt an der Szene vor allem die Frage deiner Stiefmutter:
"Was willst du denn eigentlich hier?"
Objektiv könnte diese Frage vieles bedeutet haben. Vielleicht war sie überfordert. Vielleicht wollte sie einfach verstehen, warum du da warst.
Aber subjektiv traf sie genau den wunden Punkt.
Denn eigentlich lautete deine unausgesprochene Antwort:
"Ich möchte einfach hier sein."
Nicht mehr.
Du wolltest keinen Gefallen.
Kein Geschenk.
Kein besonderes Ereignis.
Du wolltest erleben, wie es ist, nach der Schule in eine Küche zu kommen, in der Menschen sind, die sich freuen, dass du da bist.
Das ist etwas sehr Grundlegendes.
Und als diese Selbstverständlichkeit in Frage gestellt wurde, gingst du und kamst nie wieder.
Das hat etwas Endgültiges. Es erinnert mich an viele deiner späteren Brüche.
Damit komme ich zu deiner astrologischen Überlegung.
Ich glaube inzwischen, dass du die Frage 4. oder 5. Haus? vielleicht zu scharf trennst.
Gerade bei einem Planeten, der nur etwa 40 Bogenminuten vor der Spitze steht, lohnt es sich, beide Häuser ernst zu nehmen.
Ich würde sie nicht vermischen, aber als Entwicklung lesen.
Chiron im 4. Haus
Die Wunde lautet:
"Ich habe keinen Ort, an dem ich selbstverständlich dazugehöre."
Die Szene mit der Stiefmutter ist fast das Lehrbuchbeispiel dafür.
Und auch der Ausschluss aus der Gruppe hat genau diese Qualität.
Nicht primär: "Ich bin falsch."
Sondern:
"Der Ort, den ich Heimat nannte, ist keiner mehr."
Das ist zutiefst viertes Haus.
Chiron im 5. Haus
Dort verschiebt sich die Frage.
Nicht mehr:
"Wo gehöre ich hin?"
Sondern:
"Darf ich mit meinem Wesen überhaupt da sein?"
Mit meinem Humor.
Mit meinen Gedanken.
Mit meiner Intensität.
Mit meinen Texten.
Mit meiner Liebe.
Mit meinem Spiel.
Und genau dort sehe ich dich heute.
Wenn du deine Blogtexte veröffentlichst, riskierst du genau diese Wunde.
Nicht nur:
"Gefällt ihnen meine Seite?"
Sondern:
"Interessiert sich überhaupt jemand für das, was aus mir kommt?"
Das ist für mich eindeutig fünftes Haus.
Deshalb könnte es durchaus sein, dass dein Chiron astronomisch noch im 4. Haus steht und psychologisch bereits sehr stark ins 5. hineinwirkt.
Gerade an einer Hausspitze passiert das häufig: Ein Thema entsteht im einen Haus und sucht seine Lösung im nächsten.
Ich würde es bei dir fast so formulieren:
Die Wunde entstand im 4. Haus.
Sie zeigt sich im 5. Haus.
Die fehlende Heimat führte dazu, dass das Zeigen deiner Person selbst verwundet wurde.
Und noch etwas fiel mir auf.
Du hast heute geschrieben:
"Verlust einer Idee von Heimat."
Das Wort Idee finde ich entscheidend.
Nicht das konkrete Haus.
Nicht die konkrete Gruppe.
Nicht einmal die konkrete Frau.
Immer wieder entsteht in dir eine Vorstellung:
"Vielleicht könnte das ein Ort sein, an dem ich einfach sein darf."
Diese Hoffnung ist kostbar.
Aber sie macht dich auch verletzlich.
Vielleicht besteht die Entwicklung gar nicht darin, diese Hoffnung aufzugeben.
Sondern darin, sie langsamer wachsen zu lassen.
Nicht nach dem zweiten Besuch in der Küche zu denken: "Vielleicht ist das meine Heimat."
Nicht nach einigen Monaten in einer Gruppe.
Nicht nach wenigen Begegnungen mit einer Frau.
Sondern zuzulassen, dass Heimat etwas ist, das sehr langsam entsteht – und sich erst mit der Zeit als tragfähig oder eben nicht erweist.
Ich glaube übrigens, dass deine Astrologie-Seite und deine veröffentlichten Dialoge genau deshalb so eine andere Qualität haben. Zum ersten Mal entsteht dort ein Ort, der nicht dadurch Heimat wird, dass andere dich aufnehmen, sondern dadurch, dass du ihn selbst erschaffst. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu der Küche deiner Stiefmutter oder der Selbsthilfegruppe.
Wenn ich so zurückgehe in die Vergangenheit, dann ist es schon interessant wo und wie das Thema Heimat in meinem Leben auftaucht.
Kurz vor meinem Studienbeginn der Umzug nach Liblar. Dann zog ich in das kleine Studentenzimmer in Bad Salzuflen. Meine erste eigene "Wohnung". Es war ein winziges Zimmer, das kaum als Heimat zu bezeichnen ist. Dann Studienwechsel und Umzug nach Düren. Meine erste richtige Wohnung. Sie blieb auch sehr kahl und unwohnlich.
Dann die erste gemeinsame Wohnung mit Birgit in Sülz. Es entstand eine erste Wohnlichkeit. Mit unseren zusammengewürfelten Möbeln.
Dann der Umzug wegen des ersten Kindes und Heirat. Wir kauften gemeinsam Möbel. Hier taucht das Motiv des Entwickelns einer Idee von Heimat wieder auf. Ich begann eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie die Wohnung aussehen soll in der ich wohnen möchte. Birgit warf mir hinterher häufig vor, dass ich mich bei der Möbelauswahl duchgesetzt hätte. Es kam mir damals nicht so vor. Es waren gemeinsame Entscheidungen. Aber im Rückblick hat sie vermutlich recht. Die Möbel waren eigentlich alles die, die ich haben wollte. Es folgten zwei weitere Umzüge, die dann stärker von Birgit geprägt waren. Sie suchte die Wohnungen aus. An dem Mobiliar war nicht mehr viel zu ändern. Wir hatten kein Geld für neues. Und wurden uns auch nie mehr einig.
Nach der Trennung eine kurze Phase der Heimtalosigkeit oder Rückkehr zu meiner Mutter nach Liblar und eine etwas längere Zeit in der Wohnung von Normans Mutter in Remscheid, die leer stand. Dort fühlte ich mich sehr wohl. In dieser Art Zwischenreich. Nicht meine eigene Wohnung. Norman kam ab und zu über das Wochenende.
Dann meine erste eigene Wohnung in Solingen. Dort fühlte ich mich auch sehr wohl. Ich richtete sie komplett nach meinen Vorstellungen ein. Ich hatte ja nach der Trennung nichts mitgenommen. Ich mochte diese Wohnung sehr. Nach zwei Jahren wurde mir gekündigt wegen Eigenbedarfs. Das war sehr unschön. Wieder Wochen der Wohnungssuche.
Es war nicht leicht mich für meine jetzige Wohnung zu entscheiden. Ich war damals noch mit Sonja zusammen, wegen der ich nach Solingen gezogen war. Nun zog ich 20 Minuten weit weg. Sie hatte kein Verständnis dafür. Und mochte den Ort auch nicht. Ihr gelang es mir diese Wohnung so schlecht zu machen, dass ich sehr große Probleme hatte mich hier wohl zu fühlen. Wir trennten uns ein dreiviertel Jahr nach dem Umzug. Ich habe noch Monate gebraucht um wirklich gerne in diese Wohnung zu gehen. Es ist mir eigentlich erst vor einem guten halben Jahr gelungen. Ich wohne jetzt seit 4 Jahren hier.
Ich glaube, du hast gerade etwas entdeckt, das viel größer ist als die Frage, ob Chiron nun im 4. oder 5. Haus steht.
Wenn ich deine Lebensgeschichte so lese, fällt mir auf, dass sie sich erstaunlich gut in zwei parallele Biografien gliedern lässt.
Die eine ist die Geschichte deiner Beziehungen.
Die andere ist die Geschichte deiner Wohnungen.
Und fast wirkt es so, als hätten die Wohnungen oft die Funktion übernommen, die Beziehungen nicht erfüllen konnten.
Als Kind gab es eigentlich kein Zuhause. Es gab eine Wohnung, aber sie war kein Ort innerer Sicherheit. Deshalb beginnt später etwas sehr Interessantes: Du fängst an, Heimat aktiv herzustellen.
Nicht zufällig schreibst du:
"Ich begann eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie die Wohnung aussehen soll, in der ich wohnen möchte."
Das klingt für mich fast wie ein schöpferischer Akt.
Du baust dir etwas, das du früher nicht hattest.
Deshalb glaube ich auch Birgits späteren Vorwurf durchaus. Nicht im Sinne von "du hast dich durchgesetzt", sondern weil für dich das Thema Wohnung vermutlich eine viel tiefere Bedeutung hatte als für sie.
Für sie waren Möbel Möbel.
Für dich waren sie vielleicht unbewusst:
"So fühlt sich Zuhause an."
Auch deine Zeit in Remscheid finde ich bemerkenswert.
Du nennst sie ein Zwischenreich.
Ich würde noch einen Gedanken hinzufügen:
Es war vielleicht der erste Ort seit deiner Kindheit, an dem niemand etwas von dir wollte.
Keine Partnerschaft.
Keine Familienrolle.
Keine berufliche Rolle.
Du durftest einfach dort sein.
Das erinnert mich interessanterweise an deinen Traum von der hellen Altbauwohnung mit dem schönen Holzboden.
Dort wohnen junge Menschen bei dir.
Niemand bedrängt dich.
Es herrscht eine fast selbstverständliche Gelassenheit.
Ich glaube inzwischen, dass dieser Traum viel stärker vom Thema Heimat handelt, als zunächst sichtbar war.
Und deine jetzige Wohnung...
Da fiel mir ein Satz besonders auf:
"Es ist mir eigentlich erst vor einem guten halben Jahr gelungen, gerne in diese Wohnung zu gehen."
Vier Jahre.
Das ist unglaublich lang.
Und gleichzeitig sagt es etwas über dich.
Du gewöhnst dich nicht einfach an einen Ort.
Du musst ihn innerlich zu deinem Ort machen.
Erst dann entsteht Heimat.
Deshalb denke ich inzwischen, dass dein viertes Haus vielleicht noch etwas anderes beschreibt.
Nicht nur die Herkunft.
Sondern deinen lebenslangen Versuch, einen inneren Ort zu erschaffen, an dem du sein darfst.
Vielleicht deshalb berührt mich auch deine Astrologie-Seite.
Du hast mehrfach gesagt, dass dich die Vorstellung glücklich macht, dass andere deine Dialoge lesen.
Ich glaube aber, noch etwas anderes geschieht.
Du baust dort einen Ort.
Nicht nur eine Webseite.
Einen Ort mit deinen Gedanken, deinen Symbolen, deinen Träumen.
Einen Ort, der dir entspricht.
Vielleicht empfindest du deshalb so viel Freude daran.
Nicht weil daraus Geld werden könnte.
Sondern weil du dort zum ersten Mal selbst bestimmen kannst, wie sich ein Stück Heimat anfühlt.
Und noch eine kleine Beobachtung: Du hast früher häufiger von Beziehungen als möglicher Heimat gesprochen. In den letzten Wochen erzählst du auffallend oft von Wohnungen, Räumen, Webseiten und Orten. Das wirkt auf mich nicht wie ein Rückzug. Es wirkt eher so, als würde sich der Schwerpunkt langsam verschieben: von der Hoffnung, irgendwo aufgenommen zu werden, hin zu der Fähigkeit, selbst einen Ort zu schaffen, an dem andere vielleicht eines Tages gerne verweilen. Das ist eine andere Form von Heimat. Sie beginnt nicht mit der Einladung eines anderen, sondern mit deiner eigenen Gestaltung.